Alle ziehen an einem Strang: Grossfamilie Pfrunder-Erdin
Alle ziehen an einem Strang: Grossfamilie Pfrunder-Erdin
Monatshof Oktober, 2020

Rindelhof, Gansingen

Visionen schlagen Wurzeln

Mit 430 Hochstammbäumen und einer Damhirschherde führen Carmen Pfrunder und Christoph Schnetter einen unkonventionellen Betrieb in den Jurahügeln oberhalb von Gansingen.

«Es ist mir ein grosses Anliegen, dass die Kinder wieder einen Bezug zur Natur und zur landwirtschaftlichen Produktion finden», sagt Carmen Pfrunder während sie einer Kindergartenschar zeigt, wie Apfelsaft entsteht. Jedes Kind darf einmal kräftig an der Schüttelstange ziehen. Purzeln die Äpfel des alten Hochstammbaums zu Boden, leuchten nicht nur die Kinderaugen. Später auf dem Hof staunen die Kinder, wenn der Apfelsaft aus der Presse fliesst. «Mhhh, prima!», rufen sie im Chor und trinken stolz ihren eigenen Apfelsaft.

Carmen Pfrunder beteiligt sich beim Projekt «Schule auf dem Bauernhof». Sie empfängt regelmässig Kindergarten- und Schulklassen auf ihrem Rindelhof hoch über Gansingen um deren Verständnis und Begeisterung für Natur und Landwirtschaft zu fördern. «Es kommt immer wieder vor, dass Kinder meinen, wir müssten die Äpfel zuerst in der Migros kaufen gehen, bevor wir mosten können», sagt Carmen Pfrunder nachdenklich. Bei ihr lernen die Kinder spielerisch die Zusammenhänge von Landwirtschaft und Natur kennen. Und sie erfahren, dass es kein Zufall ist, wenn sie beim Apfellesen Marienkäfer, Grillen und Raupen entdecken.

Wertvolle Landschaftspflege

Die 25 Hektaren Juraboden des Rindelhofs sind hügelig und mager, zum Teil in steilen Hanglagen. An rentablen Ackerbau ist hier oben nicht zu denken. 430 Hochstammbäume prägen die Landschaft – neben Äpfeln und Birnen vor allem Zwetschgen und Kirschen. Auf den steilen Wiesen des Hofs weiden Damhirsche und Schafe. Der Rindelhof ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie die Landwirtschaft die Landschaft – und unsere Erholungsräume – prägt und pflegt.

Vor sechs Jahren verlor Carmen Pfrunder ihren Mann. Ein schwerer Schicksalsschlag für die junge Mutter und ihre vier Kinder. Die gelernte Pflegefachfrau entschied sich, den Rindelhof, den sie mit ihrem Mann nach ihren gemeinsamen Idealen und Visionen ausgerichtet hatten, weiterzuführen. Eltern, Schwiegereltern, Geschwister und Freunde packten mit an.

Der Mensch steht im Zentrum

Als Carmen Pfrunder Hilfe beim Schnitt und bei der Pflege der Obstbäume brauchte, lernte sie Christoph Schnetter kennen. Der Heidelberger Chemiker hatte wie sie auf Umwegen zur Landwirtschaft gefunden.

Heute führen die beiden den Hof gemeinsam und schmieden ambitionierte Zukunftspläne. Wenn das Paar über seine Visionen spricht, geht es um Achtsamkeit, Ökologie und Klimawandel. Was besonders auffällt: Im Zentrum steht immer der Mensch. Der Mensch, der Natur und Landschaft pflegt. Und der Mensch, der in Natur und Landschaft Erfüllung und Kraft findet.

Heilungskraft der Natur

Bereits heute sind fast 40 Prozent der Fläche des Rindelhofs Förderflächen für Biodiversität und Landschaftsqualität des kantonalen Programms Labiola. Zudem arbeitet Carmen Pfrunder mit dem Jurapark Aargau zusammen. Sie bietet Landschaftsmedizin für chronisch Kranke an. Einmal im Monat kommen Patienten der Rehaklinik Bad Zurzach auf ihren Hof. «Obst ernten, in einen knackigen Apfel beissen, durch Blumenwiesen streifen – einfache Dinge können eine grosse Heilkraft entwickeln und Trost in schwierigen Lebenssituationen spenden», ist die gelernte Pflegefachfrau überzeugt.

Planung mit Weitblick

Christoph Schnetter ist Spezialist für Baumpflege und Gehölzschnitt. Seine Planung und sein Denken richten sich nicht nur nach der nächsten Erntesaison sondern nach dem Lebenszyklus der Bäume: «Durch die zunehmende Trockenheit in den Sommermonaten werden wir in den nächsten Jahren viele Altbäume, die in ihrer Vitalität nachlassen, verlieren. Wir pflanzen jedes Jahr Jungbäume, die nach anfänglich intensiver Pflege mit der Trockenheit besser umgehen können. Die Hochstämmer sollen auch in 50 Jahren noch die Landschaft hier auf dem Laubberg prägen – auch wenn ich das selbst wohl nicht mehr erleben werde.»

Scheue Damhirsche

Neben Stein- und Kernobst produziert das Paar Damhirsch- und Lammfleisch. Die Damhirschherde umfasst 53 Muttertiere. Die scheuen Tiere weiden auf rund neun Hektaren Wiesland, das aufgrund der Topografie maschinell nicht bewirtschaftet werden könnte. Um den Gesundheitszustand zu kontrollieren und die Tiere an die Menschen zu gewöhnen, locken Carmen Pfrunder und Christoph Schnetter die Tiere jeden Tag mit trockenem Brot an. Zusätzlich werden die Hirsche mit Fallobst und Laub von der Hecken- und Waldrandpflege gefüttert.

Geschlachtet werden die Damhirsche stressfrei per Weideschuss direkt auf dem Hof. Carmen Pfrunder sagt: «Die Nachfrage nach dem fettarmen und zarten Fleisch ist gross. Wir könnten deutlich mehr Tiere züchten. Aber das wollen wir nicht. Uns ist eine kleine, dafür aber ökologisch bewusste, Kundschaft wichtiger.»

Mit Visionen in die Zukunft

Die Vision des Landwirtpaars: Ein Hof, der mit einem extensiven und nachhaltigen Kreislauf Menschen und Tiere ernährt ohne die Natur auszubeuten. Um diese Vision weiterzugeben, wollen die beiden zudem den ehemaligen Viehstall in einen Seminarraum umbauen. Und man ahnt es bereits: Dies wird nicht die letzte unkonventionelle Idee des Paars sein. Als wir Carmen Pfrunder für dieses Hofporträt anfragten, räumte sie beinahe entschuldigend ein: «Aber Sie müssen wissen, wir sind kein klassischer Landwirtschaftsbetrieb.»

Rindelhof, Gansingen

25 Hektaren
Hügelzone
430 Hochstammbäume
Kirschen, Zwetschgen, Birnen, Äpfel
53 Damhirsche (Muttertiere)
16 Schafe

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